To top
18 Jul

Vergebung

Ruth Garthe, Vergebung

Vergebung bedeutet, einer Person zu verzeihen, die dich verletzt hat. Vergebung bedeutet aber auch, dir selbst deine eigenen Fehler zu vergeben. Vergebung ist ein großes Wort und auch echt kein einfaches Thema. Trotzdem möchte ich heute darüber schreiben und euch eine sehr persönliche Geschichte dazu erzählen. Also holt euch einen Kaffee oder etwas anderes. Macht es euch gemütlich und lasst den Text einfach mal auf euch wirken.

Unvergebenheit

Es gibt eine Person in meinem Leben, der ich lange Jahre mit Unvergebenheit gegenüber getreten bin. Einige unschöne Umstände, Worte und Taten störten die Beziehung. Es war keine von den Beziehungen, die man einfach mal so beenden kann, wenn sie einem nicht mehr gut tun oder man sich auseinandergelebt hat. Das machte es natürlich um so schwerer.

Diese Person war mir auf der einen Seite so vertraut und nah, auf der anderen Seite aber so unglaublich fremd. Was hat dieser Mensch getan, fragt ihr euch vielleicht jetzt!? An sich hat er gar nichts schlimmes getan. Eigentlich hat er eher nichts getan. Dieser Mensch war für mein Empfinden einfach nicht wirklich da, er war abwesend und das war die Ursache für so viele Dinge, die danach kamen. Über die Jahre hinweg gab es dadurch eine Verkettung von verschiedenen Ereignissen und auch Kommentaren von anderen Menschen, die dem Ganzen dann am Ende die vorhandene Tiefe der Wunde gegeben haben.

Ich bin das Opfer

Meine Rolle war für mich ganz einfach definiert: Ich war das Opfer! Heute weiß ich, dass ich da einer großen Lüge aufgesessen bin und ich teilweise einfach auch selbst dazu beigetragen habe, dass unsere Beziehung so war. Die Opferrolle hatte einen entscheidenden “Vorteil”: Ich musste mich nicht mir meiner eigenen Schuld auseinander setzen und konnte alles schön abschieben und mich in meiner Verletzung suhlen.

Alle Dinge, die uns in unserer Kindheit geprägt haben, sind unser Leben lang ein Teil von uns – sowohl positive als auch negative Prägungen. Die Positiven nehmen wir mit Freude an, die Negativen sind es, die uns in schwierige Situationen bringen können, Ängste auslösen, oder immer wieder zu Problemen in unserem Leben führen. Gerne werden unsere nicht so schönen Erinnerungen oft einfach mal in die hinterste Ecke unseres Gehirns gekehrt, um bloß nicht mehr aufzufallen. Das blöde ist nur, dass Unvergebenheit dadurch nicht einfach verschwindet. Statt dessen manifestiert sie sich immer mehr und wirft uns – ob uns das bewusst ist, oder nicht – , immer wieder Steine auf unseren Lebensweg, die die Tendenz dazu haben, immer größer zu werden.

Einer meiner Steine lag störend auf dem Weg zu guten Beziehungen zu Männern herum. Mein männliches Bild war jahrelang komplett gestört und verzerrt. Meine Beziehungen funktionierten zwar irgendwie schon, aber zu welchem Preis und teilweise mit Frust verbunden. Jetzt könnt ihr euch vielleicht schon denken, von welcher Person in meinem Leben ich spreche. Der Mensch, dem ich viele Jahre in meinem Leben mit Unvergebenheit gegenüber getreten bin, ist mein Vater.

… und dann kam Gott

Was hat meine festgefahrenen Gedanken bezüglich meines Vaters verändert? Nun ja, das hatte mehrer Faktoren, die alle einen Ursprung haben – Gott. Vergebung ist ein essentieller Bestandteil des christlichen Glaubens. Auf Vergebung basiert das Evangelium und die Beziehung zu Gott. Ohne Vergebung ist weder Heilung, noch eine Beziehung möglich. Die Opferrolle, die ich für mich sehr viele Jahre wählte, war weit weg von Vergebung. Durch meinen Glauben habe ich eigentlich auch erst richtig erfahren, was Vergebung wirklich bedeutet und wie wichtig sie ist.

Auch wenn du nicht an Gott glaubst und damit jetzt erst einmal nichts anfangen kannst, ist Vergebung trotzdem genau so wichtig für dich wie für mich. Ich glaube, vielen Menschen geht es so wie mir,  vor einiger Zeit: Sie wissen gar nicht was Vergebung wirklich bedeutet und warum sie so wichtig ist. Ich habe vor einiger Zeit mal eine Umfrage zu Blogpost-Themen auf Instagram gemacht. Das Thema Vergebung hatte die Wenigstens von euch interessiert. Ich habe mich trotzdem bewusst dafür entschieden es hier aufzugreifen, weil es einfach zu wichtig ist um darüber zu schweigen.

Zwei Arten der Vergebung

Es gibt zwei Arten der Vergebung. Zum einen, sich selbst Dinge zu vergeben und zum anderen, anderen Menschen zu vergeben. Sich selbst zu vergeben ist oft noch schwieriger, als anderen Menschen zu vergeben, deshalb beginnen wir mal hiermit.

Sich selbst vergeben

Unsere Gesellschaft bietet wenig Raum für Fehler. Wir wachsen als Kinder schon so auf und lernen, dass es nicht gut ist Fehler zu machen (im Elternhaus, Schule, Studium/Ausbildung, Job etc.). Daraus interpretieren wir, dass Fehler machen bedeutet, nicht gut genug zu sein bzw. nicht OK zu sein. Wir sind also nur etwas Wert, wenn wir alles richtig machen, also keine Fehler machen. Das ist das, was bewusst oder unbewusst in viele von uns einprogrammiert wurde. Darum ist es für viele Menschen auch so schwierig mit ihren eignen Fehlern umzugehen, zu akzeptieren, dass wir fehlbar sind und dass wir trotz unserer Fehler wertvoll und liebenswert sind.

Was löst Fehler machen also in uns aus? Richtig, Schuldgefühle! Schuldgefühle sind an sich erst einmal eine gesunde Reaktion auf eine Sache, die wir einfach verbockt haben. Sie signalisieren uns, dass hier gerade etwas gewaltig schief gelaufen ist. Blöd wird es nur, wenn wir die Schuldgefühle manifestieren, wenn wir uns an ihnen aufhängen und sie ein fester Bestandteil unseres Lebens werden. Sie können nämlich richtig ungesund werden und sogar krank machen. Dauerhafte Gefühle der Schuld beeinflussen unser Leben absolut negativ.

Erst wenn wir erkennen und anerkennen, das wir fehlbar sind und Verantwortung in Form von aufrichtiger Reue übernehmen, können wir einen vernünftigen Umgang mit der Schuld finden. Reue zeigen, bedeutet sein Verhalten als falsch anzusehen zu bedauern, aber auch zu akzeptieren und sich selbst zu verzeihen. Die Selbstreflexion ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses. Das bedeutet aber auch, dass man bereit sein muss, in die Abgründe seiner selbst vorzudringen, auch dahin wo es eventuell richtig weh tun kann.

Anderen Menschen vergeben

Ich bin der Überzeugung, dass nur wenn man sich selbst vergeben kann, auch wahrhaftig anderen Menschen vergeben kann. So wie man nur wahrhaftig andere lieben kann, wenn man sich auch selbst lieben und annehmen kann.

»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. (Matthäus 22,39)

Meiner Meinung nach, ist sich selbst zu verzeihen, der erste Schritt auch anderen wirklich zu verzeihen. In dem du für dich selbst anerkennst, dass du fehlbar bist und trotzdem liebenswert, kannst du das gleiche auch über andere Menschen anerkennen. Dadurch fällt es dir viel leichter, anderen Menschen ebenfalls zu verzeihen.

So war auch der Prozess, den ich mit meinem Vater gegangen bin. Ich habe erst einmal erkennen müssen, dass auch ich Fehler gemacht habe und das mein Verhalten oft dazu beigetragen hat, die Kluft zwischen uns zu vergrößern. Kein Mensch machst alles richtig, kein Mensch ist unfehlbar, kein Mensch ist perfekt.

Vergeben ist nicht gleich Vergessen

Für den Weg der Vergebung ist es wichtig, Vergeben nicht mit Vergessen zu verwechseln. Nur weil du einem Menschen vergeben hast, bedeutet das nicht auch, dass du damit alles vergessen musst, was der Mensch getan hat. Machen wir doch mal ein Beispiel zum besseren Verständnis …

Beispiel: Verzeihen, aber auf keinen Fall vergessen

Folgende Situation: Du kochst und hast neue Freunde zum Essen eingeladen. Während des Essens bekommt eine Freundin eine starke allergische Reaktion und Erstickungsanfälle wegen einer Allergie auf ein bestimmtes Lebensmittel. Nach angemessener Behandlung ist die Situation gemeistert, aber der Abend ist gelaufen.

Warum solltest du nun dir selbst verzeihen und deine Freundin dir? Du solltest dir verzeihen, weil die Unvergebenheit wie ein langsam wirkendes Gift in deinem Körper und Geist ist und die Schuldgefühle, dich nach und nach von Innen auffressen können. Das zerstört nicht nur dich selbst, sondern auch die Beziehung zu deiner Freundin. Deine Freundin sollte dir aus dem gleichen Grund verzeihen: Weil es andernfalls die Beziehung und sie selbst (zer)-stört.

Warum solltest du das allerdings niemals vergessen und auch deine Freundin nicht? Du solltest das niemals vergessen, für den Fall, dass du noch einmal für diese Freundin kochen willst. Ein zweiter Vorfall, nur weil du es “vergessen” hast, wäre schwer verzeihlich und die Beziehung zur Freundin vermutlich nachhaltig gestört oder gar nicht mehr vorhanden. Deine Freundin sollte es auch nie vergessen, damit sie vor jedem Essen, dass du kochst, noch einmal fragen kann, ob nicht vielleicht diese Zutat im Essen ist.

Was wahre Vergebung bewirken kann

Wenn du allerdings wirklich vergeben hast, werden deine Verletzungen dauerhaft verheilen. Dein Gefühl und deine innere Haltung zu der Person wird sich dann immer weiter verändern und verbessern. Das geht bei einigen Dingen ganz schnell, bei anderen dauert es vielleicht etwas länger.

Ein Prozess

Bei mir war es ein längerer Prozess bei dem mir Gott sehr geholfen hat zu verstehen, was an der Reihe ist. Meine Einstellung und mein ganzes Gefühl zu meinem Papa hat sich komplett verändert. Gefühle wie Wut, Ablehnung, Traurigkeit, Hilflosigkeit sind einfach alle weg. Gefühle wie Liebe, Geborgenheit, Zuversicht, Freude haben ihre Plätze eingenommen.

Vergebung ist so wichtig. Nicht nur für die Personen, die Vergebung empfangen, sondern auch für die Menschen, die vergeben können. Für beide Menschen wird sich dadurch viel zum Guten wenden und ein innerer Friede einkehren.

Im Gegensatz zu früher, freue ich mich heute, wenn mein Papa und ich telefonieren, wenn wir über persönliche Themen sprechen, ich lasse ihn an meinem Leben teilhaben und wir sehen uns viel öfter. Kurz gesagt: Unsere Beziehung hat sich nicht nur verbessert, sondern ich habe nach langer Zeit das Gefühl, dass es auch eine richtige Beziehung ist. Sie ist echt geworden.

No Comments

Leave a reply